Kurze Kirchengeschichte
Kurze Kirchengeschichte

Kurze Kirchengeschichte der Lüneburger Heide

Von Pastor Heiner Wajemann (Wintermoor) mit Bildern von Harold Müller (Lübberstedt)

 Im 8. Jahrhundert beginnt in den sächsischen Stammlanden und somit auch im Gebiet der heutigen Lüneburger Heide die Christianisierung, allerdings weniger durch die friedliche Verkündigung des Wortes Gottes, als vielmehr durch Feuer und Schwert.

Figur am Verdener DomKarl der Große (742 - 814) führt das Heer der christlichen Franken gegen die heidnischen Sachsen: 772 zerstört er in der Nähe der Weser das Heiligtum der Irminsul, Weltsäule und Göttermal. Im selben Jahr hält im ständigen Versammlungsort der Sachsen, in Marklo, der Missionar Lebuin eine erste christliche Predigt. Da weiterhin die altgermanischen Kultstätten aufgesucht werden, setzt Karl der Große die Unterwerfungsaktionen fort, die in der berüchtigten Hinrichtung von 4500 Sachsen - wahrscheinlich waren es weniger - bei Verden an der Aller gipfelte. Der überlebende Sachsenherzog Widukind lässt sich 785 taufen.

Einige Jahre vorher wird auf einem Reichstag in der Nähe von Paderborn (780) bereits der Bau von Kirchen gefordert. Bistumsgründungen auf sächsischem Gebiet erfolgen seit dem Ende des 8. Jahrhunderts in Bremen, Verden, Minden u. a. Die ersten Bischöfe sind zunächst als reisende Missionsbischöfe in grob umrissenen Gauen tätig. Erst allmählich nehmen sie feste Bischofssitze ein, so etwa in Verden auf dem bis dahin heidnisch genutzten Lugenstein.

Die Bekehrung der Sachsen bedeutet für den Kirchbau der Lüneburger Heide: Über alten heidnischen Opferstätten entstehen Holzkirchen, beispielsweise an Quellheiligtümern die vielen Taufkirchen, die meist nach Johannes dem Täufer benannt sind. Die hölzernen Vorgängerbauten werden während des nachfolgenden ottonischen Zeitalters vielerorts durch Steinkirchen im romanischen Stil verdrängt.

Um 950 baut Hermann Billung (gest. 973) Lüneburg als stärkste Festung des Herzogtums Sachsen aus. Zusammen mit seinem Bruder Amelung, dem Bischof von Verden, gründet er das Benediktinerkloster St. Michael auf dem Kalkberg zu Lüneburg, dem Kaiser Otto I. 956 den Salzzoll schenkt. Der hierdurch bedingte Reichtum lässt in den nachfolgenden Jahrhunderten die prächtigen gotischen Backsteinkirchen Lüneburgs entstehen.

Unter den Billungern und anschließend unter den Welfen, etwa der Schwiegertochter Heinrichs des Löwen - Agnes von Meißen - werden während der Blütezeit der Klostergründungen vom 11. bis 13. Jahrhundert die sechs bekannten Heideklöster errichtet: Die Glaubens- und Frömmigkeitsgeschichte jener Nonnen und Mönche offenbart sich in den - überwiegend - gotischen Kunstwerken, ob nun in den Kreuzgängen, den sakralen Einrichtungen, den weltberühmten Wandteppichen oder in den Klosteranlagen insgesamt.

Kirche in WathlingenZur architektonischen Landschaft der Lüneburger Heide gehören aber auch alte romanische Kirchen, Westwerke, Balkendecken, kleine rundbogige Fenster, Feldsteinkirchen und Fachwerke.

Sowohl in den Klöstern als auch in den alten Heidekirchen können die Besucher heute durch geistliche Abendmusiken, verbunden mit der verkündigenden Kraft romanischer und gotischer Sakralarchitektur, Erbauung und Gottesbegegnung erfahren. 

Die Einführung der Reformation in der Heideregion ist eng mit dem Welfenhaus verbunden. Von den 1495 entstandenen vier Linien des Adelsgeschlechtes - Lüneburg, Grubenhagen, Calenberg und Wolfenbüttel - haben die einzelnen Vertreter jeweils unterschiedliche Beziehungen zum lutherischen Glauben. Und das wirkt sich aus: Es geht um Reformation und Gegenreformation, um Machtpolitik, Erbstreitigkeiten etc., und zwar bis hinein in die Jahre des Dreißigjährigen Krieges und schließlich bis zum Westfälischen Frieden 1648.

Urbanus RhegiusDie Reformation zerstört im 16. Jahrhundert die Einheit des Welfenhauses. Im Fürstentum Lüneburg setzt Herzog Ernst (1521 - 1546) die neue Lehre durch, seit 1530 mit Hilfe des süddeutschen Theologen Urbanus Rhegius. Herzog Ernst hat in Wittenberg bei Luther studiert und führt auf den Reichstagen zu Speyer und Augsburg zwischen 1526 und 1530 die protestierenden Fürsten in vorderster Reihe an. Daher stammt sein Name “Ernst der Bekenner”. 

Die durch Johannes Bugenhagen, einen Freund Luthers, besorgte Übersetzung der Bibel ins Niederdeutsche findet in den lutherischen Landen mehr und mehr Verbreitung. Reformatorisches Gedankengut ist mit dem Volk verbunden und bleibt es vielerorts bis in die heutige Zeit. 

Nach dem Dreißigjährigen Krieg erholen sich die Gemeinden erst allmählich wieder so dass in der Zeit des Barocks (ca. 1660 - 1770) einerseits manche alte Kirche mit äußerlichem Prunk und Glanz versehen wird, jedoch größtenteils nicht so üppig und filigran wie in Süddeutschland, und andererseits neue Feldsteinkirchen entstehen. Barocke Stilelemente finden sich mehr in den Inneneinrichtungen (Emporen, Altären, Kanzeln, Orgel etc.) als am Gebäude selbst. 

Geistes- und theologiegeschichtlich folgt auf Aufklärung und Klassizismus eine neue Jesus-Frömmigkeit. 1849 gründet Pastor Ludwig Harms (1808 - 1865) die Hermannsburger Mission, die damals hauptsächlich von Heidebauern getragen wird. Seine Erweckung geschieht durch ein Bibelwort aus dem Johannesevangelium (17,3): “Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.” Die Missionsarbeit dehnt sich allmählich aus auf die Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas. Viele Gemeinden der Lüneburger Heide sind durch die Erweckungsbewegung erreicht worden, so dass auch heute noch Missionsfeste auf den Höfen mancher Dörfer gefeiert werden. 

Pastor Wilhelm BodeHerausragender Pastor der Jahrhundertwende und bedeutsam für den heutigen Heidetourismus ist Wilhelm Bode (Zeichnung links), Heidepastor in Egestorf: 1906 kauft er den Totengrund und 1910 den Wilseder Berg mit Hilfe des ein Jahr zuvor in München gegründeten “Vereins Naturschutzpark”, und rettet damit zwei der schönsten Teile der Lüneburger Heide vor der Besiedelung. 

Die Kirchenlandschaft unserer Tage ist geprägt durch vielfältige Aktivitäten der Gemeinden, durch geistliche und kulturelle Angebote für Einheimische und Urlauber, durch alte, romantisch gelegene Kirchen, aber auch durch historisierende und moderne Kirchengebäude. Wer sich zu Andacht und Gebet einfindet, wird alte Zeugnisse des Glaubens und architekturgewordene Kirchengeschichte entdecken.

 


Bilder stammen aus dem Kirchen- und Klosterführer des AK Heide, www.heidekirchen.de, und dürfen nur mit Genehmigung von Kirche im Tourismus verwendet werden.